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Wie die Corona-Krise die Globalisierung entzaubert

Revue
 
Zu den bedrückendsten Nachrichten der letzten Tage gehören für mich die Corona-Ausbrüche in mehreren
 

Sahra Wagenknecht

2. April · Ausgabe #94 · Im Browser ansehen
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Zu den bedrückendsten Nachrichten der letzten Tage gehören für mich die Corona-Ausbrüche in mehreren Pflegeheimen, mit vielen Toten. Ich finde: Die Ausstattung von Pflegekräften und Ärzten mit nötiger Schutzkleidung muss jetzt absolute Priorität haben! Denn wenn diese sich anstecken und sich nicht ausreichend schützen können, geraten auch Pflegebedürftige oder Patienten schnell in Todesgefahr. Leider klagen etliche Kliniken, aber auch Pflegeheime, Arztpraxen und ambulante Pflegedienste immer noch über einen Mangel an Einweg-Anzügen, Masken und mehr. Mehrere Kliniken mussten bereits ihre Arbeit einstellen, weil sich Pflegekräfte und viele Patienten angesteckt haben.
Derweil hat auf internationaler Ebene ein Hauen und Stechen eingesetzt: Französische Regionalpolitiker aus Regionen, in denen die Pandemie besonders wütet, beklagen sich, dass für sie bestimmte Atemschutzmasken im letzten Moment von den USA aufgekauft werden. Soll es Schutzmasken etwa nur für jene geben, die am meisten dafür bieten können? Ich finde in dieser Krise darf nicht der Profit zählen. Die Produktion und Verteilung nötiger Güter sollte stärker am Bedarf ausgerichtet werden – und wir müssen unsere Wirtschaft unabhängiger machen um weniger verwundbar zu sein. Über die Ursachen des Mangels an nötigen Gütern und die Notwendigkeit, die Globalisierung in wichtigen Teilen zurückzunehmen – darüber geht es diese Woche in meinem Video.

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Man kann nicht verhindern, dass die Wirtschaft in der nächsten Zeit erst einmal einbrechen wird. Die Politik muss aber verhindern, dass es nun ein Massensterben kleiner und mittlerer Unternehmen gibt. Denn das, was wir jetzt verlieren, kommt nicht einfach so wieder: Die Ladenlokale, die Restaurants, die jetzt kaputt gehen, wären dauerhaft weg. Das würde die Innenstädte und das Leben in Deutschland komplett verändern. Die Politik muss alles dafür tun, dass dieser Wirtschaftseinbruch nicht dazu führt, dass viele kleine und mittelständische Unternehmen Pleite gehen und Beschäftigte arbeitslos werden. 
Die Maßnahmen der Bundesregierung sind da noch nicht ausreichend. Zwar gibt es umfangreiche Kreditgarantien der KfW, dennoch weigern sich viele Hausbanken, den Unternehmen in der Krise Kredite zu gewähren. Auch, weil viele kleinere Unternehmen absehbar gar nicht in der Lage wäre, zusätzliche Schulden in der Zukunft wieder zurückzuzahlen. Über die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise diskutierte ich Sonntag Abend bei Maybrit Illner. Die ganze Sendung:
maybrit illner Corona spezial: Was bedeutet Corona für Wirtschaft und Jobs?
Brauchen wir eine Mundschutz-Pflicht?
Die Bundesregierung lehnt eine Mundschutzpflicht in der Öffentlichkeit ab – das ist mir völlig unverständlich. Es geht nicht darum, sich selbst zu schützen, es geht darum andere zu schützen! Spezielle Atemschutzmasken müssen natürlich für medizinisches Personal reserviert werden, die jetzt etwa in Kliniken und Pflegeheimen besonderer Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind. Aber bereits eine einfache Bedeckung von Mund und Nase kann beispielsweise beim Einkaufen und anderen Kontaktsituationen die Ansteckungsgefahr reduzieren.
Viele mit dem Coronavirus Infizierte zeigen gar keine oder wenige Symptome, sind außerdem schon Tage vor dem eigentlichen Krankheitsausbruch ansteckend. Das Risiko, dass sie unwissentlich noch andere anstecken, wird durch einen Mundschutz nachweislich eingedämmt. Das ist kein Ersatz für andere Hygiene-Maßnahmen, aber wie Erfahrungen aus asiatischen Ländern zeigen, ist es ein sinnvolles zusätzliches Mittel, um die Übertragung des Virus weiter zu reduzieren. 
In Österreich müssen die Supermärkte nun allen Kunden einen Mundschutz geben. Das halte ich für sinnvoll, denn gerade beim Einkaufen können Abstandsregeln oft nicht eingehalten werden. 
Gegen den Mangel an medizinischer Schutzausrüstung muss die Bundesregierung dringend durchgreifen: Andere Produktionskapazitäten müssen umgewidmet werden, existierende Bestände notfalls beschlagnahmt und entschlossen gegen Wucherpreise vorgegangen werden!
Sollten beim Einkaufen alle einen Mundschutz tragen – was meinst du?
Sollten beim Einkaufen alle einen Mundschutz tragen – was meinst du?
Buchtipp: Kapital & Ideologie von Thomas Piketty
In der Krise rächen sich die Fehlentwicklungen der jüngeren Vergangenheit: die Hyperglobalisierung, in der Kostensenkungen wichtiger waren als Versorgungssicherheit, die zunehmende Macht von Finanzinvestoren, die auf hohe Ausschüttungen mehr Wert legen als auf solide Investitionen oder die Vorstellung, selbst Krankenhäuser und Pflegeheime ließen sich in kommerzialisierte Profitcenter verwandeln, ohne die Grundversorgung zu schädigen. Eine Folge dieser falschen Politik ist die enorm gewachsene Ungleichheit - Pikettys großes Lebensthema - die unsere Demokratie untergräbt und unsere Gesellschaft instabil macht. Deshalb ist es gerade jetzt an der Zeit, nach neuen, großen Antworten zu suchen.
Ideen dazu liefert Piketty in „Kapital und Ideologie“, aber die wichtigste Qualität seines Buches liegt auf einer anderen Ebene: Indem er in detaillierten Länderstudien den Wandel gesellschaftlicher Ordnungen und der sie jeweils legitimierenden Ideen über einen Zeitraum von Jahrhunderten nachzeichnet, macht er uns bewusst, dass Gesellschaften auf veränderbaren, weil menschengemachten Regeln beruhen. Diese Regeln entscheiden darüber, wie groß der Kuchen wird und wer wie viel von ihm abbekommt, also wer zu den Gewinnern und wer zu den Verlierern gehört, wobei letztere meistens in der Überzahl waren. Deshalb gab es zu jeder Zeit große Erzählungen, die begründeten, warum die existierende Verteilung dennoch für alle gut und überhaupt die einzig vernünftige ist, eine Botschaft, die natürlich vor allem von den Gewinnern mit Inbrunst in die Welt getragen wurde.
Meine Rezension des neuen Buches von Thomas Piketty in der „Welt":
Sahra Wagenknecht: Der Mythos von der Leistungsgesellschaft Sahra Wagenknecht: Der Mythos von der Leistungsgesellschaft
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